Hier drei Geschichten, die mir in den letzten Monaten erzählt wurden:

  1. »In meiner Kindheit hatte ich einen Kanarienvogel. Ich lebte in einer sehr innigen Beziehung mit diesem Tier. Bei der Geburt meiner ersten Tochter roch ich ganz deutlich seinen Duft. Das nahm ich so deutlich wahr, dass ich die Verwunderung darüber seither nicht mehr vergessen kann.«
  2. »Eine meiner Katzen sollte eingeschläfert werden. Danach träumte ich von einem Tunnel, durch den ich hindurch gewandert bin. Am Ende stand meine Katze und sagte mir, hier warte ich auf dich.«
  3. »Eine Frau durchlief eine aufregende Zeit, ihr Mann erkrankte schwer und sie wusste, dass sie ihn bald loslassen musste. Eines Nachts träumte sie von ihrem Schäferhund, der schon Jahre zuvor gestorben war. Der Hund verwandelte sich in einen Mann. Er sprach sie an: ›Ich stehe dir bei, darauf kannst du vertrauen‹.«

Durch meine Offenheit für das Thema: »Leben nach dem Tod – und davor?« Wissen die Menschen meiner Umgebung, dass ich für solche Erlebnisse empfänglich bin. Sie vertrauen mir ihre Geschichten an. Stirbt eines Tages mein Tier, dann stellt sich für mich Tierbesitzer die Frage:

Hat das Tier eine Seele? Welches geistige Leben ist mit dem Tier verbunden?

Woher stammen meine Argumente? Um das verborgene Leben der Tiere besser zu verstehen, muss ich Ihnen zunächst die griechische Seelenlehre erklären. Auf meiner Suche nach wertvoller Philosophie, also einer unverfälschten, nachvollziehbaren Argumentation, beginne ich zuerst mit einem Exkurs zu Platon, dann komme ich zu seinem Schüler Aristoteles. Zum Schluss zitiere ich Plotin. Der Letztere wurde als Begründer der platonischen Akademie im 3. Jh. in Rom bekannt. Früher und heute versucht man, die griechischen Denker als naiv darzustellen, oder man unterstellt ihnen eine Art Polytheismus, das heißt Vielgötterei. Diese Behauptung übersieht Grundlegendes: Bei den zitierten griechischen Philosophen zielt die Existenz auf eine Rückkehr zu dem Einen, dem ewigen Sein, das sich hinter der materiellen Welt, hinter den bekannten Planetengöttern (Venus, Mars, Merkur …) verbirgt.
Platon beschreibt im Glaukon (Der Staat 614A ff) die Geschichte eines Soldaten, der nach seinem Scheintod wieder auf die Erde zurückkehren musste. Am Schluss seiner Erzählung berichtet der Soldat über die Schicksalswahl, die den Seelen für ein erneutes Leben auf der Erde bevorstand: »Die Lebensmuster wurden wie Lose geworfen und die Wesen bekamen die Wahl, eine darin verborgene Lebensweise auszusuchen. Im Text stehen sowohl die Leben von Tieren, als auch die von Menschen zur Auswahl. Wenn dann die Wahl entschieden wird, werden die Seelen folgerichtig zu dem, was das Lebensmuster anbietet, um diese Lebensform zu verwirklichen. Man kann die Geschichte für symbolisch halten, aber sie dient seit Platon bis in die Zeit Plotins immer wieder als Sinnbild. Das heißt, also noch 500 Jahre nach seinem Wirken scheint Platon einen vorbildlichen symbolischen Mythos geschaffen zu haben. Im Phaidros (249B) bekräftigt Platon: »Eine menschliche Seele kann als Tier geboren werden und das verstorbene Tier auch als Mensch eine Inkarnation antreten.« Die philosophischen Lehren von Sokrates schrieb Platon in der damals gängigen Dialogform nieder. Darin argumentiert Sokrates im ›mäeutischen‹ Gespräch mit seinem Schüler, dessen Name gibt dem Dialog den Namenstitel. Ziel des Zwiegesprächs: Wie eine Hebamme führt der Lehrer den Schüler zu neuen Gedanken. (Mäeutik = Hebammenkunst)
Später, in der römischen Antike hielt Plotin Vorlesungen über die Aussagen seiner Vorgänger, in denen er ihre Schriften auslegte und mit eigenen Gedanken argumentativ ergänzte. Alle diese Themen gab sein Schüler Porphyrios nach seinem Tod komplett heraus. Diese Philosophen enthielten sich während ihres Lebens jeglichen Fleischkonsums, selbst dann, wenn das Tierische nur als Inhaltsstoff von Medikamenten verwendet wurde. Plotins Argument hierzu: ›Er wolle sich nicht in das irdische Leid verstricken lassen.‹ Auch das Vorbild Platons, der um 500 v.Chr. geborene Pythagoras war ein überzeugter Vegetarier.

 

Das Bild der dreistufigen griechischen Seelenlehre erklärt von Platons Schüler Aristoteles:


↑ Vernünftig
Theoretisch abwägend, um die Mitte zwischen zwei extremen Lösungen bemüht. Hier sammelt man Erfahrungen, die zu einer Haltung führen.


↑ Empfindend
Auf der unteren Ebene affektgesteuert, wahrnehmend, dann durch Entwicklung vernunftorientiert.


↑ Vegetativ
Unbewusst, wie das vegetative Nervensystem


Der Begriff ›Vernunft‹ ist hier weit gefächert zu verstehen. Denn in der philosophischen Quelle entspricht das dem Logos. Der Logos verbindet den Menschen mit dem göttlichen Urgrund. Durch diese Verbindung ist der Mensch zur Erkenntnis fähig. Im Phaidros (249-250) schreibt Platon hierzu sinngemäß: »Die menschliche Seele kann sich zu dem Seelenanteil hinaufschwingen, die für den Logos empfänglich ist. Auch hat jede Seele das ›ewig Seiende‹ gesehen.« Warum erinnert sie sich nicht daran? Das begründet Plotin folgendermaßen: »Die Seele sammelt nach ihrer Geburt in der Körperwelt Eindrücke. Diese frühen Wahrnehmungen hält mancher für das Erste.« Sinnbildlich erklärt Platon im Glaukon weiter: »Mancher hat im Fluss Sorglos vor seiner Geburt zu sehr seinen Durst gelöscht und kann sich nicht mehr erinnern, während der Vernünftige (Logosbegabte) sich dort beim Trinken zurückhielt.«
In der Schrift: ›Der Daimon der uns erloste‹, spricht Plotin von den verschiedenen Kräften der Seele, dabei greift er auf die Erklärung des Aristoteles zurück. »Der Mensch besitze bereits zu Lebzeiten eine Wachstumskraft (Pflanzenseele oder vegetativer Seelenanteil) und einen wahrnehmenden Anteil, der mit der Tierseele verwandt ist. Im Leben des Menschen herrscht der vernunftfähige Seelenanteil, der kann ihn zur Wahl des seelisch Förderlichen befähigen. Nach dem Tod lösen sich die Seelenanteile wieder voneinander und je nach dem, wie der Mensch gelebt hat, zieht es die Seele zu den ihr verwandten Formen oder Erscheinungen, zum Pflanzlichen, Tierischen und Vernünftigen.
Auf diesem Weg wird die Seele durch ihren Geistigen Helfer begleitet. Hierzu gibt es zwei zentrale Aussagen. Plotin zitiert Platon: »Jede Seele bekümmert sich um das Unbeseelte,« und ein Satz von Plotin: »Alles hat geistige Führung.« Oder von ihm anders formuliert: »Alle Materie ist beseelt, aber nicht alles Geistige dringt bis in die Materie hinab.« Das entspricht dem Denken dieser antiken Zeit, dass es sowohl eine materielle Welt gibt als auch eine zweite, die sich durch den damit verbundenen geistigen Kosmos zeigt. Die Ordnung in diesem Kosmos stelle man sich so vor: Ein Wesen wird während seiner Existenz von einem höheren Wesen geleitet, um sein Schicksal zu erfüllen. Wenn dieses Leben zu Ende geht, kann eine weitere Geistige Führung die weitere Entwicklung übernehmen. Diese Geistige Führung untersteht wieder einer ihr übergeordneten Führung (Hypostasen nach Plotin).

Was bedeutet das für das Tier, das uns ans Herz gewachsen ist?

Das Tier bekommt wie alles in diesem Universum eine Geistige Führung. So wie ich mit meiner Geistigen Führung in einen engeren Kontakt eintreten kann, muss das auch für die Führung meines Tieres gelten. Wenn mein geliebtes Tier sterben wird, dann bleibt der Körper wie mein eigener auf der Erde zurück, aber die Seele und die Geistige Führung ziehen weiter. Jedoch ein Besuch im Geiste ist immer möglich. Ich werde nach der Zeit der Trauer eine neue Verbindung mit einem neuen Tier wählen, auch dieses wird durch eine Geistige Führung begleitet. Für mich ist dabei auch wichtig, dass ich der Geistigen Welt eine Möglichkeit gebe auf diesem Weg mit mir zu kommunizieren. Ein kleines Beispiel: Für mich ist es wichtig, nach dem Mittagessen einen kleinen Schlaf von einer halben Stunde zu machen. Wenn ich diesen überspringen will, steht meine Hündin an der Schlafzimmertür und erinnert mich, dass sie trotzdem das Bedürfnis nach Schlaf hat.

Johanna Singer