Immer wieder wenn ich aus dem Leib aufwache in mich selbst, lasse das Andere hinter mir und trete ein in mein Selbst; …« *) Plotin fühlt seine Zugehörigkeit zur Geistigen Welt und kehrt dann, wie er sagt, ‚in die Welt des Denkens’ zurück. Er sucht nach Erklärung für eine Verbindung beider Ebenen. Wie tritt die Seele in den Körper ein? Auch der Beginn des Lebens ist ihm ein Rätsel trotz seiner häufigen seelischen Erfahrungen in der Geistigen Welt.

Er bezieht seine philosophischen Vorgänger mit in die Betrachtung ein. Z.B: Heraklit, der ein Auf und Ab der Seele beschreibt, genauso wie Empedokles und Pythagoras, die nur in Andeutungen von ihrem Wissen berichten. Plotin verweist danach auf Platon, sein Höhlengleichnis und der im Buch Phaidros das Verlieren der ‚Seelenflügel’ anspricht. Der Philosoph formuliert im Timaios mehr über den Seelenweg.

Plotin stellt daraufhin Grundfragen nach der Beschaffenheit des Kosmos:

Wie soll man sich die Alleinheit und die darin beherbergte Weltseele vorstellen?

Wie verhält es sich im Hin und Her zwischen Geistiger und sinnlich erfahrbarer Welt?

Wer sorgt sich um die Körper in dieser irdischen Welt?

Er beginnt zwei Zustände voneinander zu unterscheiden. Der Erste beschreibt die Verbindung von Körper und Seele in der irdischen Welt. Hier erfährt die Inkarnierte, dass ihr Handeln schnell zu einer Verkettung von Umständen führt, diese Verfehlungen ziehen neue Lernschritte nach. Auch die menschlichen Bedürfnisse führen der Seele ihre Unfreiheit vor. Bald sehnt sie sich nach Angstfreiheit und reiner Kontemplation.

Der zweite Zustand bezieht sich auf die Leidenschaftslosigkeit der Seele im reinen vorstellbaren Weltall. Dort lebe sie eingefügt in der Einheit und Vielheit der Gemeinschaft der Seelen. Seit Ewigkeit lebe sie eingebunden in das kontinuierliche Bewusstsein.

Plotin verweist auf das durch Aristoteles bekannte seelische Stufenmodell, bei dem die höchste Stufe an die Vernunft gebunden und als reines Denken betrachtet wird. Über diese Eigenschaft des Seelenanteils erklärt Plotin an anderer Stelle, dass nur der am Geistigen orientierte Anteil in die höhere Ebene zurückkehren könne. Gerade dieser Seelenanteil verfüge über Selbstreflektion und das ihm eigentümliche Tun. Im Verein mit der Gemeinschaft der Seelen gestaltet dieser durch seinen Einfluss die irdische Welt weiter. Er vergleicht die wirkende Kraft mit der Strahlkraft der Sonne und des Feuers.

Nach einer Zeit in der Geistigen Welt entsteht eine Art Ausdehnen der Seele hin zu einer weiteren Verwirklichung. Sie gibt dann die Leidenschaftslosigkeit auf und besinnt sich auf ihre Besonderheit. Sie fühlt sich immer mehr vom kausalen Geschehen in der irdischen Welt angezogen und beginnt sich mit einer anstehenden Geburt zu verbinden.

Die Einzelseele wird vom Geiste in die Welt gebracht, aber das Sehnen nach ihrem Ursprung behält sie bei sich. Während sich die einen Wesen so in eine Existenz hineinziehen lassen, entwickeln die anderen die Sehnsucht nach einem rein geistigen Sein und entfernen sich wieder. Plotin verweist in dieser Erklärung wieder auf Platons Timaios.

Er fasst Folgendes zusammen:

Es bestehe ein Zwang, der in diese Welt führe. Für keine Seele sei der Abstieg etwas Angenehmes, es sei aber wegen des Gesetzes nicht zu vermeiden. Während ein Teil der Seele im All zurückbleibe, verbinde die Seele das Niedere mit den höheren Ebenen. Diese so bestehende Beziehung zwischen beiden Welten verhilft dazu den Einfluss der irdischen Welt, das gesamte erlebte Leid und die damit verbundenen Herausforderungen zu verarbeiten. Auf diese Weise erleben die Seelen sowohl die Dimension des Höheren als auch die der Niederen.

In der gelebten irdischen Existenz wird die Seele dann mit ihrem negativen Anteil konfrontiert, aber auch mit ihren Fähigkeiten, die sich in der kreativen Auseinandersetzung mit dem Leben verwirklichen. Das wahrhaft Schöne ist die erlebbare Herrlichkeit in dieser Welt, diese verhilft der Seele zum Wiedererkennen des Guten, das sie in sich trägt. In ihren Anlagen trägt sie Gutes und Schlechtes in sich.

Die Seele befindet sich in einer Mittlerrolle zwischen Geistiger und sinnlicher Welt. Angetrieben durch die seelische Kraft sehnt sie sich nach Erkenntnis.Daraus folgt: Die schönste Erfüllung ist die Erkenntnis des Geistigen in der sinnlich-materiellen Welt. Bei ihrer Rückkehr nimmt die so gereifte Seele das Erleben von Gutem und Schlechtem mit sich.


*) Plotins Schriften, Bd. 1a, 6, Meiner Verlag; Enneade 4.8, Holzinger, Zeno.org; Aristoteles, Physik 199 b28;